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Ökonomische Gegen-Diskurse in postkolonialen sozialen und politischen Bewegungen

Die Entstehung einer „islamischen Ökonomie“ in Indien

Projektinitiative im Rahmen des Forschungsfeldes "Die Geschichtlichkeit normativer Ordnungen" des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen" der Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Projektleiter: Prof. Dr. Karl-Heinz Kohl; Mitarbeiterin: Katja Rieck M.A.


Ausgangspunkt dieses Forschungsvorhabens bildet die Beobachtung, daß ökonomische Diskurse weltweit als ein, wenn nicht als das zentrale Rechtfertigungsnarrativ moderner Gesellschaften fungieren. Weiterhin auffällig, besonders in post-kolonialen Gesellschaften, ist die Herausbildung ökonomischer Gegendiskurse, wie die der islamischen Ökonomie, die das normative Selbstverständnis der westlichen Moderne und damit assoziierten Praktiken angreifen.


In diesem Vorhaben werden am Beispiel Indiens, wo die Befreiung von der Kolonialherrschaft durch die Verwirklichung einer soziopolitischen Gesellschaftsordnung basierend auf Prinzipien der hindu bzw. der islamischen Ökonomie erreicht werden sollte, die gesellschaftlichen Bedingungen dieser Entwicklung untersucht. Weshalb formulierte die gebildete Elite Indiens ihre Kritik an der britischen Kolonialregierung, und am Westen im allgemeinen, sowie ihre eigenen Interessen und Identitätsstiftungsprojekte in wirtschaftlichen Begriffen? Wie entstanden post-koloniale Vorstellungen von Staat und Gesellschaft, die sich zugleich kritisch mit den Normen einer post-aufklärerischen westlichen „Modernität“ auseinandersetzten? Welche Rolle spielten dabei indische (Re-)Visionen indigener „Tradition(en)” oder bestehende westliche ökonomische Diskurse? Weshalb wurden diese postkolonialen Gegendiskurse zunehmend religiös verankert—im Hinduismus bzw. Islam?

Während der hinduistisch-geprägte ökonomische Gegenentwurf mit der Ermordung Mahatma Gandhis an politischer Relevanz verlor, fand die von Abu ‘Ala Maududi entwickelte islamische Alternative in den folgenden Jahrzehnten Zuspruch weit über Indien hinaus. Seit dem Fall des Kommunismus stellt die islamische Ökonomie ein wichtiger normativer Gegenentwurf zum Kapitalismus, der nicht nur in der islamischen Welt sondern auch im Westen allmählich in entsprechende Praxen umgesetzt wird.

Ziel des Projektes ist zum einen ein nuancierteres Verständnis der Entstehung und des Wandels von Normen in kolonialen Kontexten, sowie der Prozesse, durch die bestimmte Vorstellungen von Tradition mobilisiert werden, um die Rechtfertigung dieser Normen in Frage zu stellen und eine neue post-koloniale Ordnung zu formulieren. Des Weiteren sollen Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie sich durch Normenwandel post-koloniale gesellschaftliche Formationen und Subjektivierungsmöglichkeiten herausbilden.