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Transformationsprozesse bei kurdischen Yeziden in Deutschland

Projektleiter: Prof. Dr. Karl-Heinz Kohl; wissenschaftlicher Mitarbeiter: Dr. Andreas Ackermann [bis 31.03.2007], Norbert Busch M. A. [ab 01.01.2008]

Sachbeihilfe der DFG

Laufzeit: 01. Mai 2004 bis 30. Juni 2008

 

Die Yeziden sind eine seit Jahrhunderten verfolgte religiöse Minderheit, die in den kurdischen Gebieten des Irak, Syriens, der Türkei und im Kaukasus beheimatet ist. Seit den 1980er Jahren kam es zu einer verstärkten Migration nach Europa, speziell nach Deutschland, wo inzwischen etwa 30.000 Yeziden leben. Damit änderte sich die Lebenssituation der Yeziden grundlegend. Waren sie in ihrer Heimat eher gehalten, wesentliche Aspekte ihrer Kultur und Religion zu verbergen, so können sie diese im Exil nun zum ersten Mal offen ausleben. Dabei wird der bislang bewährte undogmatische Charakter der Religion, deren Inhalte überwiegend mündlich tradiert wurden, im Zuge der kollektiven Identitätsbildung unter den Bedingungen des Lebens in der Diaspora zum Problem: Einerseits lassen sich wesentliche Bestandteile des yezidischen Glaubenssystems innerhalb einer säkular geprägtenGesellschaft nur schwer weitergeben – auch gegenüber der eigenen zweiten Generation. Andererseits drohen – mit dem Abbruch der Überlieferungskette – wesentliche Aspekte der yezidischen Religion verloren zu gehen. Damit befindet sich die yezidische Gemeinschaft in Deutschland in einer Übergangssituation, einem Schwellenzustand, in dem Neu-Orientierung nicht nur möglich, sondern auch notwendig wird. Es kommt zu Transformationsprozessen yezidischer Kultur und Religion, die im Zuge des Vorhabens systematisch erhoben und im Rückgriff auf das Diaspora-Konzept gedeutet werden sollen. Herkömmliche ethnographische Verfahrensweisen und theoretische Überlegungen, die von seiten der kulturwissenschaftlichen Migrationsforschung entwickelt worden sind, können auf diese Weise für die bisher nur in Ansätzen erfolgte empirische Beschreibung und Analyse des Wandels yezidischer Identität fruchtbar gemacht werden.

Durch die politschen Entwicklungen im Irak, in dem die zentralen yezidischen Siedlungsgebiete liegen, hat das bereits seit längerem geplante Forschungsvorhaben eine zusätzliche aktuelle Komponente erhalten. Theoretisch steht den irakischen Yeziden seit dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein die Rückkehr in ihre Heimat offen. Die Erforschung der individuellen und kollektiven Reaktionen auf diese Option verspricht wertvolle Einblicke in die Dynamik und zukünftige Entwicklung von Diaspora-Gruppen.