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Religiöse Rede als Ressource in Süd- und Zentralasien: Unterweisung, Medialisierung und Kommerzialisierung

Teilproject C04 des SFB RessourcenKulturen (Tübingen)

Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Förderzeitraum: 2017-2020

Projektleitung: Prof. Dr. Roland Hardenberg; PD Dr. Ruth Conrad (Berlin)
Projektmitarbeiter/-in: Dr. Deepak Kumar Ojha; Gulniza Taalaibekova (M.A.)

 

Das Teilprojekt verfolgt das Ziel, den Einsatz, die Bedeutung und die Wirkung religiöser Ressourcen in verschiedenen Gemeinschaften Süd- und Zentralasiens zu untersuchen. Generell soll das Projekt einen Beitrag zur "Ritualökonomie" leisten, also die übliche Trennung der Sphären von Ökonomie und Religion hinterfragen und die vielfältigen Überschneidungen ökonomischer sowie religiöser Wissensformen, Aktivitäten, Räume und Objekte aufzeigen. Im Fokus der ersten Projektphase standen die religiösen Ressourcen, die verschiedene Institutionen benötigen, um zu entstehen, sich zu erhalten und zu verändern. Untersucht wurden das in Moscheen und Madrassen verbreitete religiöse Wissen (ilim) im islamischen Kyrgyzstan, die im Groß-Tempel Jagannathas produzierte, distribuierte und konsumierte heilige Speise (mahaprasad) der Hindus im indischen Puri und die zahlreichen Stiftungen (waqf) des bedeutenden shiitischen Schreins von Imam Reza im iranischen Mashhad. In der zweiten Projektphase soll eine andere religiöse Ressource im Mittelpunkt der Forschung stehen, die in den verschiedenen Religionsgemeinschaften Süd- und Zentralasiens von zentraler Bedeutung ist: die religiöse Rede. Darunter werden öffentliche orale Performanzen verstanden, die sich meist auf sakrale Texte beziehen und eine transformierende Wirkung auf die Zuhörerschaft anstreben. Die bisherigen Forschungen haben gezeigt, dass religiöse Reden als Ressource eine entscheidende Rolle bei der Entstehung, dem Erhalt und der Veränderung religiöser Institutionen Süd- und Zentralasiens spielen. In Kyrgyzstan werden in der ersten Fallstudie neben den religiösen Diskursen der Laien vor allem die Reden der Geistlichen (Imame) in den Moscheen der Hauptstadt sowie bei Großveranstaltungen der
Religionsstiftungen im Mittelpunkt der Forschung stehen. Im indischen Puri sind in der zweiten Fallstudie die religiösen Reden der Vorsteher verschiedener Klöster und Ashramas Gegenstand der Untersuchungen. Die dritte Fallstudie befasst sich mit einer im bisherigen Projekt nicht berücksichtigten Religionsgemeinschaft, den Christen. Gegenstand dieser Studie werden die religiösen Reden sowohl ausländischer Missionare als auch indischer Prediger verschiedener Kirchen im Bundesstaat Odisha sein.
In allen drei Fallstudien sind religiöse Reden Teil von Ressourcen, die Bildung, Texte, Medien, Orte, Netzwerke etc. umfassen. Die spezifischen Dynamiken dieser RessourcenKomplexe ergeben sich, so die Hypothese, in allen drei Fällen aus dem Zusammenhang von religiöser Unterweisung, Medialisierung und Kommerzialisierung. In der ersten Projektphase hat sich gezeigt, dass in Indien und Kyrgyzstan religiöse Redner häufig das Ziel verfolgen, durch ihre Unterweisungen - begleitet von unterschiedlichen Performanzen - zur Konversion, Erweckung oder religiösen Revitalisierung von Einzelnen oder ganzen Gruppen beizutragen. Dies wiederum geschieht durch den Einsatz verschiedener Medien, in der Vergangenheit vor allem durch Texte, heutzutage verstärkt mit Hilfe des Internets sowie audio-visueller, sozialer oder digitaler Medien. Diese Medialisierung verweist auf die materielle Dimension religiöser Reden, die als Broschüren, Zeitschriftenbeiträge, Bücher, Kassetten, Videos, CDs, DVDs und Internetstreams verbreitet, gekauft und konsumiert bzw. im Internet werbewirksam eingesetzt werden. Damit rücken auch die transnationalen Verbreitungswege religiöser Reden zwischen Europa, USA, Saudi-Arabien und den Ländern Süd-und Zentralasien in das Blickfeld der Untersuchung. Diese Kommodifizierung und Kommerzialisierung von religiösen Reden auf realen und virtuellen Märkten wird in allen drei Fallstudien erforscht. In Bezug auf die Erweiterung des Untersuchungsfelds "religiöse Ressourcen" durch christliche Predigten ist es ferner zielführend, in der zweiten Phase die ethnologische Herangehensweise im Teilprojekt durch theologische Expertise, insbesondere im Feld der Praktischen Theologie und der Homiletik, interdisziplinär zu erweitern.