Von „Armennahrung“ zu „nutri-cereals“. Zur Entstehung einer neuen Hirse-Assemblage in Odisha, Indien

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Projektmitarbeiter: Shilanjani Bhattacharya

Förderzeitraum: Januar 2021 – Dezember 2023

Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft

In den letzten Jahrzehnten haben Disziplinen wie Agrar-, Pflanzen- und Lebensmittelwissenschaften sowie verschiedene Naturwissenschaften detailliertes Wissen über Hirse-Sorten hervorgebracht, insbesondere über deren gesundheitliche Eigenschaften, Nährstoffzusammensetzung, Wachstumsbedingungen und Umweltqualität. In Kooperation mit der Universität Groningen hat sich daher das „Groningen-Frankfurt Millets Network“ (GFNM) gegründet“, das interdisziplinär an der Erweiterung unseres Wissens über die sozio-kulturelle Bedeutung von Hirsen in Afrika und Asien arbeitet. Dieses Wissen hat immense Auswirkungen auf die Entwicklung neuer Strategien zur Erreichung der Ziele nachhaltiger Entwicklung. In Indien werden diese strategischen Ziele von einer Vielzahl staatlicher Institutionen und Nichtregierungsorganisationen umgesetzt. Welche Auswirkungen haben sowohl diese Strategien als auch das Wissen, auf dem sie basieren, auf diejenigen, die Hirse Sorten produzieren, verteilen und konsumieren? Das Projekt, das aus dem GFNM entstand und von Januar 2021 bis Dezember 2023 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, greift diese Frage am Beispiel von Odisha (Indien) auf, wo die internationale Lebensmittelpolitik großen Einfluss auf lokale Praktiken, Bewertungen und Wissensformen hat. Die Forschung konzentriert sich auf die Veränderung der Bewertung und Verwendung lokaler Hirse-Sorten wie Sorghum, Perlhirse, Fingerhirse, Kodo-Hirse, Kolbenhirse oder kleine Hirse. Die Menschen verwenden eigene lokalsprachliche Bezeichnungen für diese von ihnen angebauten, verteilten und konsumierten Pflanzen. Die entsprechenden Kategorien und ihre Einbettung in das alltägliche Leben sind ein zentraler Gegenstand der Forschung. Der Fokus liegt dabei auf städtischen Eliten, ländlichen Bauern und Bergbewohnern, die in verschiedenen Teilen von Odisha leben. Drei Feldstudien sollen zeigen, wie Menschen in den genannten drei Kontexten den ontologischen Status von Hirse definieren, welches Wissen sie über Hirse haben, wie sie mit den Pflanzen und ihren Produkten umgehen, welche Technologien sie verwenden, welche Verbindungen zwischen Hirse-Sorten und sozialen Identitäten bestehen und auf welche Politik sie reagieren. Das Projekt geht von der Hypothese aus, dass Hirse ein Teil von Assemblagen ist, das heißt von komplexen Wechselbeziehungen zwischen Pflanzen, Böden, Klima, Menschen, Technologien, Wissensregimen und Bedeutungssystemen. Diese Hirse-Assemblagen werden in Kombination mit Daten und Erkenntnissen aus der (Ethno-)Archäobotanik untersucht. Das Projekt vergleicht die Ergebnisse der drei Feldstudien, um mögliche Zusammenhänge zwischen den jeweiligen Kontexten zu verstehen. Dabei bleiben grundlegende Differenzen zwischen den beiden „Ernährungsweltbildern“ bestehen, die jeweils auf Ernährungssicherheit oder auf Ernährungssouveränität setzen.