Foto: Carlos Magnavita
Projektleitung: Dr. Carlos Magnavita
Projektmitarbeiter: Cezary Szymanski
Projektpartner: Prof. Dr. Dangbet Zakinet (Université de N’Djamena), Prof. Dr. Tchago Bouimon (Université de N’Djamena, Tschad)
Förderung: Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)
Laufzeit: Januar 2019 - Dezember 2025
Projekt im Schwerpunktprogramm "Entangled Africa" der DFG
In diesem Projekt beschäftigten wir uns mit den mittelalterlichen Anfängen des zentralafrikanischen Reichs/Sultanats Kanem-Borno (8./9. – 19. Jh. n. Chr.). Als einer der ältesten historisch bekannten vorkolonialen Staaten südlich der Sahara wirft das Reich noch immer viele Fragen auf. Zu Beginn des Projektes war weder bekannt, wo seine frühen Machtzentren lagen und wie diese aussahen, noch mit welchen afrikanischen Regionen außerhalb Nordafrikas das Reich vor dem 15. Jahrhundert Beziehungen unterhielt. Im Gegensatz zu den vorhandenen und weitgehend erforschten historischen Dokumenten bietet die Archäologie noch weitgehend unerschlossene Informationsquellen über Kanem-Borno. Dies gilt insbesondere für die frühe Entwicklung des Reiches vor dem 15. Jahrhundert. Das Projekt konzentrierte sich auf die Erfassung und Analyse materieller Zeugnisse, die Einblicke in bisher wenig bekannte historische Prozesse dieser Zeit geben. Ein besonderes Augenmerk galt dabei der Erforschung archäologischer Fundstellen mit Backsteinbauten in der Region Kanem, östlich des Tschadsees in der heutigen Republik Tschad. Dank der Forschungen der letzten Jahre zeichnet sich nun ein klareres Bild des frühen Kanem-Borno-Reichs ab. Zwar fehlen archäologische Zeugnisse aus seiner Entstehungszeit (8. – 10. Jh.), doch über seine Blütezeit im 11. bis 14. Jahrhundert liegen nun wichtige Erkenntnisse vor. So haben umfangreiche Geländeprospektionen in Kanem nicht nur die älteste und größte Konzentration von Backstein-Fundstellen südlich der Sahara zutage gefördert. Diese Entdeckung zeigt auch, dass die Tschadseeregion die längste architektonische Tradition mit der Verwendung von Backsteinen als Baumaterial südlich der Sahara aufweist (11. – 18. Jh.). Neben den Prospektionen erbrachten die Ausgrabungen des Projekts Artefakte, die ebenfalls Aufschluss über wichtige historische Prozesse und Orte geben. So deuten chemische Analysen von Glasperlen beispielsweise darauf hin, dass Kanem-Borno zwischen dem
12. und dem 14. Jahrhundert direkte oder indirekte Verbindungen zum westafrikanischen Regenwald in Südnigeria und zur ost- oder nordostafrikanischen Küste hatte. Die Freilegung eines Elitengebäudes aus Backstein mit kalkverputzten Innenwänden und einem Innenhof in der Fundstelle Tié lässt zudem darauf schließen, dass es sich bei diesem Ort mit hoher Wahrscheinlichkeit um Njimi handelt, die erste islamische Hauptstadt des Reiches.
Ein wichtiger Schritt zur Vollendung des Projekts war die Einreichung der Dissertation von Cezary Szymanski im August 2025 beim Prüfungsamt der Goethe-Universität. Die Studie mit dem Titel „A Study of Kanem-Borno’s Imperial Pottery (9th-19th century)” und ist die erste akademische Arbeit, die sich in einem nie dagewesenen Umfang und Tiefe mit der Reichskeramik befasst. Die Arbeit stützt sich vor allem auf deskriptive und komplexere statistische Verfahren, um fundierte Schlussfolgerungen über die chronologischen und räumlichen Beziehungen einzelner Keramikinventare, Gebiete und Gemeinschaften innerhalb des Reichs zu ziehen.
Medienecho
Frankfurter Archäologen graben im Tschad nach der ersten islamischen Hauptstadt des Königreichs Kanem-Borno
Der Tagesspiegel, 21. Oktober 2020
Journal de 20H Tele Tchad, 27. Oktober 2023
Interview (Französisch) zur Eröffnung der Sonderausstellung am tschadischen Nationalmuseum, 7. Dezember 2024
Science Clip
Landscapes of Kanem, Chad
Erleben Sie die wunderschönen Landschaften von Kanem (Tschad), aufgenommen im Februar 2019 von einer Drohne.
von Carlos Magnavita



